Das Internationale Institut für Genossenschaftsforschung im Alpenraum veranstaltete am Freitag, den 10. November 2017 im Hotel Hilton in Innsbruck die 21. IGA-Tagung. Thema: "Brauchen wir noch Genossenschaften?"  mehr

Das Internationale Institut für Genossenschaftsforschung im Alpenraum veranstaltete am Freitag, den 10. November 2017 im Hotel Hilton in Innsbruck die 21. IGA-Tagung.

Wozu noch Genossenschaften?

Brauchen wir noch Genossenschaften? Diese Frage haben sich Vertreter aus Forschung und Praxis bei der heurigen Tagung des Internationalen Instituts für Genossenschaftsforschung im Alpenraum (IGA) am 10. November in Innsbruck gestellt. Die Antwort fiel eindeutig aus.

„Seit 2016 ist die Genossenschaft Teil des Weltkulturerbes. War das nur der ehrenvolle Abgesang auf eine schützenswerte Idee oder doch die Würdigung dafür, dass Genossenschaften auch heute noch einen hohen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Stellenwert einnehmen?“, fragte IGA-Vorstandsvorsitzender Arnulf Perkounigg zu Beginn der Tagung.

Für Dietmar Rößl, Leiter des Forschungsinstituts für Kooperationen und Genossenschaften an der WU Wien, waren und sind Genossenschaften ein Motor für unternehmerische und soziale Innovation. „Da Genossenschaften Sachziele statt Investitionsziele im Fokus haben, sind ihre Geschäftsmodelle anpassungsfähig. Sie können Ziele jenseits von Rentabilitätskalküle definieren und als Personen-
vereinigungen auch Sozialkapital in Form von freiwilliger Mitarbeit mobilisieren.“

Das prädestiniere sie dafür, Pionierunternehmen zu sein und neue Märkte zu entwickeln, wo derzeit noch keine Rendite erzielbar sei. Weiters könnten Genossen-
schaften dort einspringen, wo die staatliche Leistungserbringung versage – in Zukunft etwa auch in der Seniorenbetreuung. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass sie den Förderauftrag zeitgemäß interpretieren, als positives Beispiel nannte Rößl hier die Bäckergenossenschaft BÄKO.

Voraussetzungen für Gründerwelle

Wie und in welchen Bereichen man Neugründungen erfolgreich initiieren kann, erläuterte am Beispiel Deutschland Michael Stappel, Leiter der Gruppe Makroökonomik und Branchenresearch bei der DZ BANK. Gezielte Initiativen der Verbände und eine Reform des Genossenschaftsgesetzes hätten in den 2000er-Jahren zu einer wahren Gründerwelle geführt. Dabei seien auch völlig neue Genossenschaftsmodelle entstanden. Exemplarisch führte Stappel Ärztegenossenschaften, Kooperationen im Bereich der Fotovoltaik, genossenschaftliche Dorfläden, gewerbeübergreifende Handwerkergenossenschaften, Familiengenossenschaften und auch solche im Bereich der kommunalen Versorgung – vom Schwimmbad bis zur Schule – an. Potential sieht er zudem bei Produktivgenossenschaften in Handwerk und Landwirtschaft als Lösung für Probleme bei der Betriebsnachfolge.

Wichtig für den nachhaltigen Erfolg von Gründungsinitiativen sei ein organisierter Prozess. Stappel: „Es gilt, die Trends herauszuarbeiten, daraus die Herausforderungen für Wirtschaft und Gesellschaft abzuleiten und zu fragen, wo die Genossenschaft mit ihren spezifischen Vorteilen einen Beitrag zur Problemlösung liefern kann. Am Ende müssen Modelle entwickelt und über Multiplikatoren auch vermarktet werden."

Die Energiewende als Motor

Der Erfolg von Energiegenossenschaften in der Schweiz war Thema des Vortrags von Nadja Germann, Leiterin des Instituts für Unternehmensrecht an der Uni Luzern. 76 von 642 Energieversorgern in der Schweiz seinen genossenschaftlich organisiert – neben vielen Kleinstgenossenschaften für Stromversorgung und Wärmeerzeugung durchaus auch große, international tätige Genossenschaften. Ausgelöst durch den Schock des Reaktorunglücks von Fukushima gebe es in der Schweiz ein Umdenken in Richtung Energiewende, was sich in der Zahl der Neugründungen von Energiegenossenschaften niederschlage.

Aber auch für diese neuen Initiativen würden die klassischen DNA-Elemente der Genossenschaften gelten, so Germann: „Die mehrdimensionale Werte- und Nutzenorientierung, das realwirtschaftliche Primat, die lokale Verankerung und überregionale Vernetzung, die demokratische Entscheidungsfindung, nachhaltige Finanzen und die besondere Innovationsfähigkeit bilden diese DNA.“

Renaissance der Genossenschaftsbanken?

Wie Genossenschaftsbanken in der heutigen Zeit noch sinnvoll agieren können, erläuterte Anton Kosta, Geschäftsleiter der Raiffeisenkasse Bruneck, die heuer beim victor-Award zur Bank des Jahres gekürt wurde. Er ortet eine Renaissance der Solidarität und Mitverantwortung für die lokale Gemeinschaft, was dem breiten Förderauftrag der Genossenschaftsbanken – für ihn ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Rechtsformen – zu neuer Bedeutung verhelfe. Als konkretes Beispiel nannte Kosta die finanzielle Absicherung der Hinterbliebenen von Lawinenopfern, mit der seine Bank Verantwortung übernehme und zugleich das Versagen des Sozialstaates durch Selbsthilfe kompensiere.

„Positiver Nebeneffekt solcher Initiativen: Die Mitarbeitermotivation steigt spürbar an, weil das Handeln der Bank mit neuem Sinn erfüllt wird“, so Kosta. Er ist überzeugt: „Genossenschaftliche Lokalbanken wird es auch in Zukunft geben, wenn die Mitgliedschaft in Vordergrund gestellt wird, der Bedarf der Menschen und Unternehmen oberstes Ziel ist und Solidarität gelebt wird.“

In der abschließenden Publikumsdiskussion mit den Referenten waren sich alle einig: Das Fragezeichen im Titel der Veranstaltung kann getrost durch ein Ausrufezeichen ersetzt werden. Allerdings sei das Erfolgsmodell Genossenschaft kein Selbstläufer. Rößl: „Es braucht begeisterte Geschäftsleiter und Mitarbeiter, die den Förderauftrag modern interpretieren und auf die aktuellen Problemstellungen der Mitglieder eingehen. Die Verbände wiederum sind gefordert, Hilfestellung bei Experimenten zu leisten und Blaupausen für funktionierende Modelle zu entwerfen."

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